Elektronikmesse Stuttgart – viel Kram, viele klassische Computer; Plagiate und Softwarefälschungen nicht ausgeschlossen


Den heutigen Samstag habe ich ab ca. 10 Uhr auf der “Hobby- und Elektronikmesse” in Stuttgart verbracht. Interessant war für mich der Teilbereich “Elektronik” in Halle 4.

Auf dieser Messe präsentieren alljährlich Hersteller, Distributoren und Händler ihre Produktpalette. Erwartet habe ich Home-Entertainment, Multimedia, große Fernseher, Blu Ray-Player, Spielekonsolen und irgendwas mit PCs.

In Halle 4 sah die Lage dann so aus: Spielekonsolen, Gaming-PCs, Linux-Foren und -Tagungen, etwas Retro-Computing, ein paar Gebraucht-PC-Händler, kleine und große Handelsketten, reichlich Kramläden und auch mit Hostessen wurde nicht gegeizt. Keine Spur gab es übrigens von der erhofften Multimedia-Sparte.

Als erstes stachen die Stände von Nintendo und Sony ins Auge. Letztere kamen gleich mit einem ganzen LKW an, der zur begehbaren Präsentationsfläche mit Konsolen zum Selbertesten des neuen Move genannten Produkts hergerichtet war. Bei Nintendo durfte man, wie man es von den Japanern erwartet, die Wii ausprobieren.

Das bei beiden gezeigte Material war eher für die ganz jungen vorgesehen, außer Insekten fangen und Tanzen gab es nicht viel, was man mit den kabellosen Controllern hätte anfangen können. Zumindest als ich da war, gab es bei Nintendo auch nichts aus dem Wii Sports-Programm.

Retro ist in

Für mich als 20-facher PC-Besitzer mit Glanzstücken, die auch mein Alter haben, waren die Stände “Retro” sowie die von “Shack” und des “Vereins zum Erhalt klassischer Computer” schon interessanter Winking smile

Der zuletzt genannte Verein stellte auf vergleichsweise großer Fläche zahlreiche alte Maschinen zur Schau. Neben den obligatorischen C64- und Amiga-Modellen gab es auch Stücke mit x86-Architektur. Ein Laptop, das mit Windows 2.0 lief, zog die Aufmerksamkeit auf sich, weil der über 20 Jahre alte Ni-Cd-Akku immer noch funktioniert und laut Besitzer sogar über drei Stunden hält.

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Shack zeigten einen alten Plotter von HP, der mit farbigen Stiften einst McGyver zeichnete, heute gab’s – nur in schwarz-weiß – den Schaltplan des C64-Prozessors (sollte ich mich verhört haben, bitte berichtigen).

Viel altes Zeug und etwas Schrott

Das lateinische Wort für “alt”, “antiquus” kann auch “ehrwürdig” bedeuten. Das trifft meiner Meinung nach auf die zuvor angesprochenen Rechner zu; weniger aber auf eine riesige Palette von Rechnern, die mit installiertem Windows XP feilgeboten wurden. Uralte – in PC-Jahren – Laptops, die während meines Praktikums im Einzelhandel vor 5 Jahren brandneu waren, wurden hier mindestens ein zweites Mal an den Mann gebracht. Rechner mit Festplatten unterhalb der 40 GiB, 512 MiB waren hier schon Luxus. Für die gebrauchte Hardware verlangte man teilweise Preise von 270 Euro. Wer hier zuschlägt, ist selber schuld. Selbst die damals guten Laptops sind heute wahrscheinlich nur noch 200 Euro wert.

An mehreren Ständen gab es Teile aus zerlegten PCs, einer hatte sogar eine große Kiste mit 15-Zoll-LCD-Bildschirmen, die “ideal für DVD” sein sollten.

Wer Preise verglichen oder zumindest die vom letzten Einkauf im Kopf hat, dürfte gemerkt haben, dass insbesondere Kabel, Kleinteile und Adapter trotz angeblicher Messe-Rabatte und Sonderpreise fast doppelt so teuer waren, wie man sie beispielsweise bei eBay oder Amazon vom Händler (!) bekommen kann.

Immer wieder Plagiate und Softwarefälschungen

Vermutlich war es ein und derselbe Händler, der dahinter steckte. Denn an mehreren Ständen am Rande der Halle 4 wiederholten sich die Machart der Plakate, Aufbau der Stände und vor allem die Produktpalette. Und eins hatten sie alle gemeinsam: Es gab Controller für die Wii, deren Verpackungen komplett auf japanisch (?) beschriftet waren, daneben lagen aber fast überall gleich aussehende Produkte für die “Wü”.

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Wem das nicht reichte, der konnte sich ein am Tisch festgeklebtes “Nero Essentials” kaufen. Essentials? Da war doch was… Richtig: Nero Essentials liefern PC-Hersteller oder Lieferanten mit neuen PCs und CD-DVD-Brennern aus. Die CDs enthalten ein abgespecktes Nero, das fast immer nur mit der mitgelieferten Hardware läuft. Die Höhe ist jedoch, dass der auf der CD befindliche Hinweis “Not for resale” konsequent ignoriert wurde. Dass ich mit anderen Besuchern der Messe deutlich hörbar genau darüber geredet habe, schien die anwesenden Verkäufer nicht im geringsten zu beeindrucken.

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Auch dass ich von den Wü-Controllern für jeden Sichtbar Fotos gemacht habe, hat augenscheinlich niemanden interessiert. Ob die Verkäufer überhaupt wissen, das sie da ausgelegt haben?

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Nun gut, das mit den Wü-Controllern kann ja Unwissenheit oder Unachtsamkeit gewesen sein, das mit Nero Essentials könnte auf mangelnde Englisch-Kenntnisse zurückzuführen sein, (im übrigen finde ich 10 Euro für eine CD, die man zum neuen Brenner dazu bekommt ziemlich teuer) aber der “Microsoft Flug Simulator 2010” ist ja wohl die Gipfelung der Dreistheit:

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Bemerkenswert sind folgende Merkmale:

Der letzte Flugsimulator nannte sich “Flight Simulator X” und erschien 2006


  • 2010 wurde “Microsoft Flight” angekündigt
  • Flight Simulator wird neu zu Preisen von über 40 Euro gehandelt. Der Händler wollte nur 9,-
  • USK 0
  • Auf dem DVD-Case befinden sich Fotos, keine Screenshots
  • Die Software wird für "Windows 7 ausgewiesen, was bei der Herstellung imageder letzten Version aber noch gar nicht existierte
  • “Flug Simulator” enthält ein Deppen Leerzeichen

Ich habe mal ein wenig recherchiert und genau diesen Artikel bei buecher.de finden können. Wäre ich Geschäftsführer der buecher.de GmbH&Co. KG würde mir jetzt anders…

Angeboten wurden daneben zahlreiche <Beliebige Fahrzeugart hier einfügen>-Simulatoren, etwa Traktor-Simulatoren, Bus-Simulatoren, LKW-Simulatoren, … Sogar Microsoft Flight Simulator 2004 war vertreten und sollte übrigens 15 Euro kosten. Interessant, nicht?

Fazit

Alles in allem hat sich die Messe für mich “nur gerade so” gelohnt. Ich habe ein paar Vereine mit netten Leuten kennen gelernt, die meine sehr eigenen Interessen teilen, Neues gab es aber nicht zu sehen. Dass ich nur mit 20 Euro aufs Messegelände gegangen bin und davon 19 für Mittagessen und Schokolade ausgegeben habe, hat mich daran gehindert, das Geld für minderwertige Waren auszugeben.

Das Gesetz der Wirtschaft verbietet es,
für wenig Geld viel Wert zu erhalten.

–John Ruskin


Stadt Stuttgart verbietet PC-Spiele-Wettbewerb

Die Stadt Stuttgart hat angesichts des Amoklaufs von Winnenden und imagedes offenen Briefs einiger der Familien der Opfer den diesen Freitag stattfinden sollenden ESL-Wettbewerb “Intel Friday Nicht Game” verboten.

Auf dem Plan standen unter anderem Titel wie “Warcraft” und “Counter Strike”.

Oberbürgermeister Wolfgang Schuster:

“Angesichts der Ereignisse und des schrecklichen Amoklaufs in Winnenden und Wendlingen, bei dem 15 Menschen getötet wurden, können wir eine solche Veranstaltung derzeit in unserer Stadt nicht akzeptieren.”

ESL hat das Verbot offensichtlich selbst mit zu verschulden. Weder wollte man bei der Veranstaltung auf die beiden wichtigsten Spiele-Titel verzichten, noch eine Schweigeminute für die Opfer einlegen.

Auf der ESL-Website ist über die abgesagte Veranstaltung derzeit noch nichts zu sehen.

Die Veranstalter erklärten, man sei von der “schrecklichen Tat” mitgenommen, aber eine Absage die ESL Pro Series komme nicht infrage. Die ESL Pro Series gilt als Profiliga des sogenannten eSports und ist mit der Bundesliga im Fußball vergleichbar. Dem fügt man an:


“Bei klassischen Fußballspielen kommt es […] oft zu Ausschreitungen und vielen Verletzten. Bei den vielen Hundert eSport-Events, die wir durchgeführt haben, gab es nicht eine einzige handfeste Schlägerei.”

[Update:]

In besagtem offenen Brief forderten die Familien einiger Opfer des Amoklaufs von Winnenden unter anderem:

  • eingeschränkten Zugang zu Waffen für Jugendliche und Anhebung des Mindestalters für den Schießsport auf 21 Jahre sowie eine Kapazitätenbegrenzung für Schießsportwaffen
  • Generelle Gewaltfreiheit des Fernsehprogramms
  • Verbot von – wörtlich – “Killerspielen”, in denen es darum geht “möglichst viele Menschen umzubringen” und in denen “Darstellung[en] sehr realistisch sind” und bei denen “viel Blut fließt”
  • Wunsch nach mehr Jugenschutz in Chatrooms und Foren, Anonymes “Aufhetzen” soll nicht möglich sein
  • Keine Nennung des Namens des Amokläufers sowie kein weiteres Zeigen von Bildern von ihm, um eine “Heroisierung des Täters” zu vermeiden – Anonymisierung des Täters