Umgesetzter Browserzwang


WARA am 30. Mai 2008: Mit leichter Verwunderung über das Internet Explorer 6-Symbol klicke ich darauf, um den Browser zu starten. Wie das Symbol erwarten ließ, startete Internet Explorer 6, obwohl die Version 7 seit 2006 installiert sein sollte.


Browserzwang wird ernsthaft umgesetzt

Tippt man eine Adresse in die Adresszeile von Internet Explorer 6 ein, passiert erst einmal gar nichts. Kurz danach öffnet sich Firefox (ja wo kommt der denn her) und zeigt die Seite an. Das nenne ich umgesetzten Browserzwang. Der Benutzer wird einfach entmündigt und ohne Rückfrage wird ein anderer Browser gestartet, um das, was man eigentlich in einem anderen Programm machen wollte, zu tun.

Es kommt noch besser: Das auf diesen Computern eingespielte Image muss derart zerschossen worden sein, dass Windows jetzt immer Updates laden möchte und zwei Versionen von Internet Explorer installiert werden konnten. Klickt man auf Start, Ausführen und tippt IEXPLORE ein, startet, oh Wunder, Internet Explorer 7 (sieben!).

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Ein Experiment durfte natürlich nicht fehlen. Ich habe die Datei firefox.exe einfach mal umbenannt und daraufhin meldete Internet Explorer 6 "Anwendung nicht gefunden"

Aus dem ganzen Frust habe ich dann einfach Opera Portable heruntergeladen und verwendet. Meinen Browser suche ich mir immer noch selber aus.


Verwende gefälligst Firefox, du @&$%?!

Sehen wir es zuerst einmal von der nüchternen Seite. Ja, der Internet Explorer in der Version 6, die viel zu lange in Umlauf war, hatte Sicherheitsprobleme und kam mit der Entwicklung des Webs nicht mehr hinterher. Und ja, zu dem Zeitpunkt war es angebracht, einen alternativen Browser einzusetzen.

Der Wahn, seine Meinung anderen aufzwingen zu müssen

Aber immer noch, fast vier Jahre nach der Veröffentlichung, kämpfen Anhänger des freien Browsers Firefox um dessen Verbreitung. Ein Ähnliches Verhalten hat man Microsoft 1995/6 vorgeworfen. Aber jetzt ganz von vorn:

Und wenn du das nicht machst, bisst du dumm und kriegst nichts

Auf manchen Websites werden die Benutzer von Internet Explorer oder anderen Browsern, die nicht Firefox sind, in Grundschülermanier an ihr Vergehen erinnert:

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Das war ja noch harmlos. Zu dumm nur, dass diese Website Flock und Netscape für Firefox hält und den Benutzer nicht anmotzt. Ziel verfehlt.

Etwas rabiater geht der Webmaster einer anderen Website vor:

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Menschen die heutzutage noch den Internet Explorer benutzen, wissen entweder nicht, in welche Gefahr sie sich dadurch begeben oder sie sind schlichtweg dumm.

Erstens, nach "Menschen" kommt ein Komma (schweres Vergehen, bist du dumm?) und zweitens: jemanden als "dumm" zu bezeichnen ist natürlich die sanfteste Art, jemanden zum Browserwechsel zu animieren. Manchmal wundert man sich, was Webmaster alles tun, um Leute dazu zu bringen, auf diese silbernen Google-Adwords-Banner zu klicken, die dem Webmaster immerhin bis zu einen Dollar Werbeeinnahmen bringen. Dafür würde man natürlich seine Besucher beleidigen, oder? Viele Links zu solchen Seiten sind oft in gut besuchten Foren zu finden, wo einzelne Themen nach einem Tag schon mal 60 Zugriffe haben können. Die gute Verbreitung und die vielen Klicks auf einen Adwords-Button sind gesichert.

Eine nicht ganz so beleidigende Art, Websitebesucher zum Browserwechsel zu bewegen, haben die Betreiber einer Website für ICQ-Add-Ons gefunden: Downloads gibt’s nur für Firefox-User. Alle anderen, auch die Benutzer von Opera oder Safri (und natürlich diejenigen mit Internet Explorer) werden ausgegrenzt. Das Ironische an diesem Beispiel ist, dass die Website kleine Programme für ICQ anbietet, das voll und ganz auf Internet Explorer basiert. Dumm gelaufen.

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Übrigens: Für Firefox, Opera und Internet Explorer gibt es ein nette Plug-Ins, die es dem Benutzer recht einfach erlauben, den Browser nach außen hin als einen anderen zu tarnen. So würden diese Websites Firefox nicht mehr erkennen.

Sie schreien nach Einhaltung von Standards

Seit Internet Explorer 7 haben Begründer von Kampagnen á la "Internet Explorer ist unsicher" nichts mehr, worüber sie sich aufregen können. Also bleibt ihnen derzeit nur noch ein Grund, um Firefox an den Mann zu bringen: Firefox unterstütze Webstandards und die soeben Besuchte Website (die laut Validator des W3C über 100 Fehler aufweist) würde darin viel besser aussehen und funktioniere korrekt. Das wäre sehr schlecht geplant, da doch Schätzungen zufolge "nur" 29% der Surfer Firefox benutzen. "Optimiert für Firefox" sollte kein Ziel eines Webdesigners sein.

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Nochmal zu den Standards: Erstellen Sie ein HTML-Dokument mit dem Inhalt

<marquee>Lauftext</marquee>

und öffnen Sie es mit Firefox. Der Text wird sich bewegen. Dahin ist die Einhaltung von Standards bei Firefox: Marquee ist eine Erfindung von Microsoft, die ursprünglich in Internet Explorer implementiert wurde. Weitere nicht-standardisierte Erfindungen, die zeitweise nur in den Browsern ihrer Erfinder umgesetzt wurden, sind unter anderem: Favicons, Multicol, Spacer, Blink und die Verknüpfung mit RSS-Feeds.

Warum so viele mitmachen

Die meisten Firefox-Verfechter wollen niemals einen großen Konzern aus Redmond unterstützen und verlinken über Adwords-Banner oder -Buttons zu den Downloadsites der größten Suchmaschinenbetreibers der Welt. Nein, sie wollen mit ihren Adwords-Kampagnen nichts verdienen, sie wollen nur verhindern, dass ein Software-Riese über das Internet bestimmt. (Nochmal über die letzten Sätze nachdenken.) Wie bereits erwähnt, für eine Downloadempfehlung mittels Adwords springen für den Seitenbetreiber bis zu 1 Dollar raus. Google selbst verteilt Firefox mit der Google-Toolbar, Firefox mit Google als Startseite gehören seit der Linux-Musterlösung an vielen Bildungseinrichtungen in Baden Württemberg zur Standardeinstellung an den dort vorhandenen Computern.

Weitergesponnen

Stellen Sie sich vor, Sie fahren mit Ihrem Auto an die Tankstelle, weil die Nadel der Tankfüllanzeige wieder unten hängt. Nur leider hat der Hersteller Ihres Autos die Tanköffnung so gestaltet, dass Sie nur noch den Tankstutzen an der gelb-roten Tankstelle benutzen können – solange Sie nicht an dieser Tankstelle tanken, fährt Ihr Auto nicht weiter.

Stellen Sie sich vor, Sie kaufen einen Computer und möchten darauf Linux installieren. Kurz nach dem Booten von der CD meldet sich aber das BIOS oder EFI und beschwert sich, dass der Computer nur mit diesem oder jenem Betriebssystem betrieben werden kann.


Oder um in der Realität zu bleiben: Stellen Sie sich vor, Sie möchten Ihren Chat-Client aufmotzen und können die gewünschten Werkzeuge nicht herunterladen, weil Ihr Computeradministrator einen anderen Browser eingerichtet hat, oder weil Javascript aus Sicherheitsgründen nicht aktiviert ist und die typischen Skripte zur Erkennung des Webbrowsers nicht funktionieren. Auf den Websites prangen rote, gelbe oder orangefarbene – aber Hauptsache, sie sind auffällig – Banner, um Sie zu strafen, dass Sie nicht den Fuchs-Browser verwenden. Würden Sie Dokumentendateien oder Tabellen mit Makros oder Skripten so erstellen, die dem Benutzer vorschreiben, womit er sie zu öffnen hat? Würden Sie Computerprogramme so gestalten, dass zur Verwendung ein Benutzerkonto mit vorgegebenem Name und Rechten erforderlich ist? Ich hoffe nicht. Um noch einmal auf das Beispiel mit dem Auto und der Tankstelle zu kommen: Hier würde man von unlauterem Wettbewerb sprechen. In Sachen Webdesign geht das auf manchen Websites schon in die richtige Richtung.

Jeder, der einen Computer verwendet, sollte selbst entscheiden dürfen, mit welchem Programm er was erledigt. Insbesondere im Bereich der Gestaltung von Websites sollten sich Webdesigner nicht an bestimmten Browsern orientieren, von denen es so viele gibt; Websites sollten nach Standards entworfen werden, damit sie in jedem Browser funktionieren. Verwenden Sie Firefox, Opera, Safari, Internet Explorer oder was auch immer Sie mögen, aber lassen Sie sich nicht durch Websites, die Internet Explorer-Benutzer beleidigen oder sie von Downloads ausgrenzen, und sei die Seite auch nur von einem roten hässlichen Banner geziert, der Sie durchgehend an Ihren Browser erinnert, abschrecken. Verwenden Sie den Browser, der Ihre Bedürfnisse erfüllt und den Sie gut bedienen können.

Eine Frage besteht aber immer noch: Warum reden hier so viele von "FireFox" selbst auf der Mozilla-Website wird der Browser "Firefox" genannt, aber niemals "FireFox". Das muss wieder irgendeine dumm nachgeahmte Erscheinung sein…

Dazu auch: Any Browser-Projektseite