Nicht so super: Die “Super Nanny”


“Die Super Nanny”, “Raus aus den Schulden”, “Die Ausreiser” und “Teenager außer Kontrolle” – das sind Formate des kölner Privatsenders RTL, mit denen sich dieser immer wieder selbst in die Kritiken zieht. Für die einen ist es das Fernsehen für die Unterschicht, für die anderen belustigend und für wieder andere voller Ernst.

Mit dem Format “Die Super Nanny” hat RTL auch ganz aktuell wieder mit Kritiken zu kämpfen. Die Medienwächter werfen RTL und auch Katharina Saalfrank (alias Super Nanny) vor, Medienlaien [sic!] wie Kinder “zum Zwecke der Unterhaltung” (siehe Anfang des Absatzes) vorzuführen und schon fast dazu zu missbrauchen. Dies entspreche nicht gesunden moralischen und ethischen Vorstellungen.

Vorführeffekt

Die oft so kritisierten Formate von RTL leben von ihrer Provokation, von den Geschehnissen, vom Vorführen sozial schwacher, außer Kontrolle geratener Kinder und Jugendlichen oder schlechter Eltern: alle diese Formate führen immer irgendjemanden vor, fast immer nur negativ, positiv kommen nur diejenigen davon, die bereit sind, sich zu bessern (Eltern, Verschuldete, Kinder(!)) oder natürlich die eigentlichen Protagonisten, wie Saalfrank oder Zwegat (“Raus aus den Schulden”).

Die Sendungen zeigen nicht nur, wie es in anderen Familien und Haushalten zugeht, sondern suggerieren auch, dass es so in nahezu jedem deutschen Haushalt zugehe: viele Zuschauer können sich mit dem Gesehenen identifizieren oder erkennen Situationen wieder, sie halten das eigene Leben für “normal” – und genau auf diese Gruppe zielen diese Formate ab: auf die untere Mittelschicht, wenn nicht gar die Unterschicht. Der Selbsterkennungswert ist enorm hoch. Erschreckend ebenso: RTL stellt das am häufigsten gesehene Fernsehprogramm: mit Sendungen, die zur reinen Unterhaltung dienen, geistig anspruchslos sind, skurril und sensationell, außergewöhnlich und interessant sein wollen.

Auch heute abend läuft sie wieder, die Sendung mit der Superheldin, die die Familien retten soll. Wieder werden schreiende Kinder und unfähige und überforderte Eltern fast eine Stunde lang der Öffentlichkeit vorgeführt, damit auch schon bald jeder im Ort (und dem Rest der Republik) weiß, wie es bei denen zuhause zugeht.

Wenn die Nanny weg ist, können folgende Dinge passieren:

  • Die Familie wird wirklich glücklich und der Umgang der Eltern mit den Kindern wird wieder akzeptabel
  • Die Familie wird nach ihrer öffentlichen Bloßstellung blamiert und muss damit leben
  • Die Familie muss ihren Name ändern und weit weg ziehen
  • Eines oder mehrere Familienmitglieder erleiden einen Nervenzusammenbruch

Als ob das Vorführen ahnungsloser und unschuldiger Kinder die Höhe wäre, RTL soll viele Szenen angeblich stellen und greift bei einer handgreiflichen Eskalation nie ein, um Schlimmeres zu vermeiden. So lassen die Kameraleute offensichtlich zu, wie der größere den kleineren Bruder vom Sofa reißt und ihn mit dem Kopf auf den Boden schleudert, stiften die Kinder an, aufsässig zu werden oder inszenieren üble Streitgespräche.

In mehreren Fällen haben Familien schon gegen den Sender geklagt. RTL weist die Vorwürfe jedoch zurück: “Wir fangen nur ein, was wirklich geschieht” – indem einzelne Szenen regelrecht gespielt, Schlichtungen bewusst weggeschnitten oder die Reihenfolge einzelner Geschehnisse durcheinander gebracht werden, entsteht bei den Zuschauern ein völlig anderer Eindruck von einer Familie oder einzelnen Personen, der ihren Ruf schädigen kann.

Lessons in Love bei ProSieben

Ähnliche Vorwürfe gab es auch von Seiten einiger Protagonisten der ProSieben-Sendung “Das Model und der Freak”, bei der Szenen bewusst so umgestellt worden sein sollen, dass die “Freaks” gefräßig aussehen oder sogar stinken (“haste nich’ geduscht heute morgen?”) – dabei waren die Freaks gecastete Laienschauspieler oder Anfänger und alles andere als Kellerkinder, die eine Resozialisierung und “Lessons in Love” notwendig gehabt hätten.

Auch hier werden die verzweifelten (teils sind sie das wirklich, aber teils machen sie auch, was im Drehbuch steht) “Freaks” vorgeführt: Keine Ahnung haben sie vom Leben da draußen und keine Ahnung haben sie von Beziehungen – oder keinen Mut.

Sie müssen sich mehrfach überwinden, in Sex-Shops Spielzeuge anschauen, Frauen auf der Straße nach ihrer Handynummer fragen, in Sex-Shops Spielzeuge kaufen, sich beim Frisör umstylen lassen, im Sex-Shop mit der Beraterin flirten, abends auf eine gestellte Party mit lauter Bunnys gehen, am nächsten Morgen Bungee springen und zum Abschluss mit der Beraterin aus dem Sex-Shop ausgehen.


Diese ProSieben-Sendung war aber so erfolglos, dass man sie wieder eingestellt hat und stattdessen lieber sich zoffende Model-Anwärterinnen zeigt.

Wir sind die Beobachter

Seit über zehn Jahren sind in Big Brother, der Mutter aller miesen Vorführäffchen-Sendungen, die später bei rtl II (RTL 2) zu sehen war, freiwillige eingezäunt und unter ständiger Beobachtung von Kameras den Zuschauern fast alles zeigen, was diese ja selbst regelmäßig tun oder gerne tun würden. Sieht man es im Fernsehen, ist es pervers, man langt sich ans Hirn, wie man sich so der Öffentlichkeit präsentieren kann, aber dieses “Experiment” zeigt: die Zuschauer wollen das sehen, es zeigt uns den Voyeurismus und die Sensationsgeilheit aller doch eigentlich vor Augen – aber man regt sich drüber auf und schaut weiter zu. Das Niveau ist jetzt so tief, dass ich mich wieder davon abwenden möchte. Aber das Beispiel zeigt, woher es kommen könnte, dass diese Sendungen so erfolgreich sind und RTL der meistgesehene Sender im verdummenden Deutschland ist – wir wollen sehen, was normal ist. Wir sind Voyeure.

Mediendschungel und künstlicher Dschungel

Schon nach den ersten Ausstrahlungen von “Ich bin ein Star, holt mich hier raus”, was ich selbst zunächst für eine billige Verarsche hielt, dürfte so manchem klar geworden sein, welchen Weg der Sender eingeschlagen hat. Im Australischen Dschungel wurde ein künstlicher Dschungel angelegt, ein paar angebliche “Stars” hinein gefüllt und ähnlich wie bei Big Brother beim Essen, Waschen und beim Kacken vorgeführt. Daniel Küblbök, Teilnehmer bei der ersten Staffel von “Deutschland sucht den Superstar” und später eben auch beim Dschungelcamp, sagte vor wenigen Monaten in einem Interview, es habe keine richtigen Toiletten gegeben, man habe das Wasser abkochen müssen und er habe sich um einen älteren Teilnehmer Sorgen gemacht, ob der die Aktion “überleben” würde.

Noch nicht einmal der Dschungel, in dem gedreht wurde, war echt. Irgendwann plauderten Arbeiter aus, was sie alles gemacht hätten, um den “Dschungel” fernsehtauglich und für die ahnungslosen Zuschauer möglichst realistisch aussehen zu lassen. Teiche wurden angelegt (manchmal war die Folie sichtbar), Wurzeln wurden nachgebildet, der “Dreck” vom Boden aufgefegt. Seit RTL da ist, verdienen sich die Bewohner der naheliegenden Kleinstadt dumm und dämlich. Und sie wissen, was für ein Schindluder mit ihrem künstlichen Dschungel getrieben wird.

Das Fernsehen lügt

Der kölner Sender ist also richtig bemüht, für den ahnungslosen Zuschauer alles irgendwie realistisch aussehen zu lassen, und wenn es nur gestellt, geschnitten, provoziert, inszeniert, fehlgedeutet oder mit Pappmaché nachgebildet werden muss. Egal, ob dabei jemand in seinem Ruf und Ansehen oder seines Mutes geschädigt wird, egal ob die Super Nanny eigentlich die Eltern erziehen muss, statt die Kinder, egal ob die “Stars” das Leben im Dschungel überleben – Hauptsache, der Zuschauer findet es geil und hat seinen Spaß. An Sendungen, in denen andere durch den Dreck gezogen werden – nur der Zuschauer selber nicht. Der sitzt noch bis 2:00 Uhr vor der Glotze und steht morgen früh um 14:00 Uhr wieder in der Schlange vor der Bundesagentur. Denn RTL hat ihn gefesselt und einen neuen in die Zielgruppe befördert.