Der Wahn um die Strahlenallergie


Vertrauen in die Wissenschaft – aber nicht in die Ergebnisse

Die Menschen da draußen vertrauen den Wissenschaftlern und den Ärzten. Ganz besonders, wenn es um die Gesundheit geht.

Umgekehrt verhalten sie sich gegenüber der Presse: der schenkt man immer weniger Vertrauen. Und wie sich Ende Juli gezeigt hat: zurecht.

Gleich mehrere “Quellen” kopierten ganz offensichtlich eine missverstandene PR-Mitteilung über das Album eines britischen Deejays, der behauptete, durch WLAN-Strahlung in seiner Gesundheit geschädigt worden zu sein: Kopfschmerzen, anhaltender Schwindel und Übelkeit, die sich mit der Verbreitung von WLAN-fähigen Geräten nur verstärkt hätten. Da die Strahlen fast allgegenwärtig sind, fiel es ihm schwer, eine Wohnung, Kneipen und Geschäfte zu finden, in denen er sich wohlfühlt.

Und jener Künstler ist mit seinem Leiden nicht allein: Angeblich leiden 2 Prozent der Bevölkerung unter einer Art WLAN-Allergie, die bei ihnen die genannten oder ähnliche Symptome hervorruft.

Da fehlt doch was

All den Behauptungen fehlt aber eine wichtige Grundlage: so etwas wie ein elektrosensitives Organ besitzt der menschliche Organismus nicht, auch als Ganzes ist der Körper nicht in der Lage, das Vorhandensein elektrischer Energie zu erfassen.


In zahlreichen Studien musste das über eine lange Zeit hinweg belegt werden. Teilnehmer waren Menschen, die von sich behaupteten, Strom, der durch ein Kabel fließt, spüren zu können.

Die Ergebnisse sahen in etwa so solide aus wie andere Tests, in denen man die Probanden bat, durch ihre Sinneswahrnehmung festzustellen, ob ein Handy oder ein WLAN-Gerät sendet oder nicht sendet: Nämlich überhaupt nicht.

Die Tests erwiesen sich letztendlich als Ratespielt und belegen als Grundlage nur eins: Elektrosensibilität existiert nicht.

Also doch 0 Prozent?

Dafür, dass immerhin zwei Prozent der Bevölkerung an einer Strahlenallergie leiden sollen – und das wären viele – fielen die Studien sehr schlecht aus. Zumindest für diejenigen, die mit der Panikmache Geld verdienen und für die, die sich am Glaube an schädliche Strahlen festhalten müssen.

Hinzu kommt, dass der Anteil der Personen, die behaupteten, elektrische Energie aufspüren zu können, weitaus kleiner als 2 Prozent ist.

Man darf also davon ausgehen, dass dieses “2-Prozent-Ergebnis” deutlich gepusht wurde, um die für die Nachrichten nötige Relevanz zu erreichen. Peinlich nur für die Redaktionen: für die Zahl gab es zuvor keine Belege. Sie wurde also, genau wie die Behauptung, eine Strahlenallergie existiere, einfach kopiert.

Einbildung und “psychische Schäden”

Wer sich eingebildet hat, besonders anfällig auf WLAN-Geräte zu reagieren, muss sich fragen: warum nicht früher? Die Frequenz der WLAN-Strahlung liegt zwischen anderen gängigen Frequenzen, mit denen wir schon viel länger zu tun haben: Mikrowellen, Handystrahlung, DECT-Telefone, Bluetooth, Rundfunk. Strahlung waren und sind wir also schon immer ausgesetzt.

Hinzu kommt das Verständnis, wie schwache elektrische (!) Funksignale die im Körper ablaufenden Energieflüsse (die rein chemischer Natur sind) beeinflussen sollen. Selbst die elektrischen Impulse, die durch die Nerven gehen, sind um ein Vielfaches stärker als das, was den Körper durchdringt, wenn man mit zwei Handys in den Taschen in einem bermudadreieck aus Rundfunk-Coder, Mobilfunkantenne und WLAN-Hotspot steht.

Fazit: Strahlung ist ungesund

… wenn man als Redakteur eine PR-Kampagne nicht versteht und darüber in Zeitungen und im Fernsehen berichtet. Die Existenz strahlungssensitiver Individuen ist nicht bewiesen worden.

Eher entspringen diese Behauptungen den Fantasien und Erklärungsversuchen von Kranken Menschen, die die oben genannten Symptome zeigen. Nicht selten sind sie psychisch labil oder sogar krank, aber das wäre jetzt anmaßend.

Persönliche Erlebnisse

Sogar ich wurde ein paarmal mit dem Thema konfrontiert, zum Beispiel als eines Tages (ich war höchstens 14) ein Vertreter der US-amerikanischen Firma “Nikken” vor der Tür stand und nach meiner Mutter verlangte, um ihr das Neueste aus der Magnetheilkunde anzudrehen: denn die Strahlen, die uns schädigen, können auch heilen. Zum Portfolio gehörten kleine Teppiche mit eingewobenen Metallfasern, die vor Erdstrahlen schützen sollten. Nach diesem Prinzip sollte sogar eine Matratze schützen, deren Preis wahrscheinlich ins Vierstellige gereicht hat.

Dann waren da noch die violetten Steine mit der schwarzen Kruste, die man auf dem Markt im Dorf kaufen konnte. Die sollte man neben den Computerbildschirm stellen, damit sie die bösen Strahlen aufsaugen und das Eindringen in den Kopf verhindern konnten. Wenn der Stein mal voll war, genügte kurzes Abwaschen unter laufendem Wasser, um ihn “strahlenfrei” zu machen.

Ein trotz seiner ausschließlich schriftlichen Form als extrem erlebter Fall waren die Behauptungen einer neuen Besucherin in einem Computerforum, die ihren ersten Beitrag so eröffnete:

“ich habe ein Poblem mit Wlan.
Kopfschmerzen – Schlafstörungen…
Hat jemand die gleichen oder ähnliche gesundheitlichen Probleme durch Wlan (Mobilfunk)etc.? 
[————————] und Wlan macht mich fertig.”

Die Verfasserin versuchte ihren Verdacht durch ärztliche Atteste zu untermauern:

“na ja – mein körper + die ärztliche seite sagen mir da ganz andere sachen.
die frequenz, die bei mobilfunk (wlan…) eingesetzt wird ist halt ne ganz andere als die sonnenstrahlen oder radiofunk… und mit anderen strahlen und frequenzen nicht zu vergleichen.”

Dem Thema im Forum war zu entnehmen, dass die Frau unter einer Erkrankung der Nerven leidet. Die vermeintlichen “WLAN-Probleme” waren wahrscheinlich nur eine “gemachte Ursache”, um sich daran festzuhalten.

Ähnlich wie sie erklären sich viele “Elektrosensitive” das Auftreten von Schmerzen (besonders Kopfschmerzen), Schwindel oder Schlafstörungen. Weil ihnen die Erklärungen fehlen, ermitteln sie eigenständig oder mit Hilfe die zunehmende Technisierung als Ursache. Unterstützer dieser Annahmen sind nicht selten Esoteriker, die die Panikmache für eigene Interessen nutzen. Im Internet gibt es ein paar Websites zu dem Thema, viele davon sind übrigens Satire – auch wenn man die nicht gleich zu erkennen vermag. Und Satire ist nie unbegründet.


Satanisten in SWR3-Land

Es begab sich zu der Zeit, als der Regionalsender SWR3 eine Online-Community startete, bei der ich mich Spaßeshalber – und vor allem aus Langeweile – anmeldete.

Da man dort wie in Konkurrenz-Communities (StudiVZ) Gruppen erstellen und Mitglieder einladen konnte, habe ich das auch mal versucht.

Da mir kein Name einfiel, durchsuchte ich die anderen und war von den vielen Fußballgruppen angetan. Ich eröffnete meine eigenen zwei Gruppen:

  1. “Ein Herz für Satanisten” (das Gruppenlogo war ein umgedrehtes Herz)
  2. “SC Heise” (für alle, die Fußball z. K. finden)

Ein paar Tage bestanden sie, meine beiden Gruppen und es meldeten sich sogar einige Mitglieder ohne meine Einladung an. So muss es laufen.

Bis dann Post von Stefan Scheurer kam:

“Ich habe so ein kleines Problem mit der ein oder anderen Gruppe, die Du da eröffnest. SC Heise find ich auch nicht so lustig. Ich finde es ok eine Gruppe aufzumachen, die Fussball doof findet, aber SC Heise ist bescheuert.”

Wenige Minuten später verschwanden meine beiden Gruppen “SC Heise” und “Ein Herz für Satanisten”. Ich bekam keine Mitteilung, aber ich hatte da so einen Verdacht:

“Habe gerade gesehen, dass sie schon weg ist. Reichlich spät dafür, dass ich sie am 12. erstellt habe und ihr inzwischen wahrscheinlich durch die andere Gruppe auf mich aufmerksam geworden seid.
Auch dieses Mal habe ich den Hinweis auf die Löschung vermisst.”

… und lag richtig. Erneut Stefan Scheurer:

“Ich finde nicht, dass man beim Löschen einer Gruppe "Satanisten" unbedingt den Eröffner informieren muss. Und Humor ist eben Geschmackssache, ich habe das in der Redaktion rumgezeigt und es konnte keiner Lachen.”

Ist das verklemmt oder schon prüde? Meine Gruppe hieß auch nicht “Satanisten” sondern drückte mit ihrem Namen und dem Bild doch etwas Satirisches, Aufmunterndes aus!

Meine Gruppe “Ein Herz für Satanisten” habe ich einige Tage erneut erstellt. Dieses Mal mit einem noch auffälligeren Bild und einem Gruppenkommentar, der auf die bisherigen Löschungen hinwies. Es brachte nichts – sie verschwand wieder.

Nun gut, ich wandte mich nun ersthafteren Themen zu und erstellte eine Gruppe namens “Computerbesitzer” – wer einen hatte, sollte reinkommen.


Um die Gruppe etwas interessanter zu machen, stellte ich ein paar Bilder von meinem 1988er SICOMP-PC ein. wenige Minuten später waren sie gelöscht. Rückfrage an den, mit dem ich schon zuvor Kontakt hatte. Die Antwort:

“Nun muss ich aber mal blöd fragen, warum ich jetzt Zeit investiert habe, um mich auf die Suche nach Deinen Bildern zu machen.
Du darfst bei uns nur Bilder hochladen, an denen Du eindeutig die Rechte hast. Du musst jedes Mal ein Häckchen ankreuzen.
Ich finde es albern, dass Du Dich darüber beschwerst, dass wir Bilder mit Webadressen ohne Vorwarnung löschen.
Also mich hat das geärgert.”

Meine Antwort:

“Haltet ihr mich ernsthaft für so blöd? Der Domainname steht nur drin, weil ich die Bilder aus Faulheit (weil sie schon herunterskaliert waren) von meiner Website abkopiert habe (ein Blick ins Impressum hätte das geklärt), die Bilder gehören also mir. Und genau deshalb habe ich sie, kurz nachdem ich dir geschrieben habe, gleich wieder hochgeladen.”

Also: Der Benutzer ist der Dumme, er kann zwar Nachrichten ans Team schreiben aber hat keine Ahnung von Copyright. Mhm, das kann man sich so logisch erschließen, hätte ich wissen müssen.

Hätte ich den Domainname entfernt (warum schaute er eigentlich nicht ins Impressum? Bei der Anmeldung musste ich ja neben Name und Wohnort sogar die Handynummer(!!) angeben), wäre nie jemand darauf aufmerksam geworden. Ein wenig Geschick mit Recherche von Bildern verhindert also Ärger mit Community-Moderatoren.

Der Beitrag entstand bereits im Mai 2008 und wurde aus passendem Anlass in das neue Blog reingeschmuggelt.