Das China-Tablet-Experiment


Ich habe es gewagt. Ich habe mir im China-Urlaub in Beijing einen Tablet-Computer gekauft, den ich zuvor aggressiv runtergehandelt habe. Für 75 Euro oder 599 Yuan (dieser sehr europäische Preisvorschlag stammt von mir) ging das Tablet von einer Firma namens 驰为 (chí-wèi), die sich latinisiert kurioserweise “Chuwi” nennt über den Ladentisch.


Der Gatte der Verkäuferin arbeitet angeblich bei dieser Firma, deshalb bekämen wir diesen guten Preis angeblich nur hier. Nach 20 Minuten Preisverhandlung war ich mir sicher, dass man nicht weiter runter könne. Es gab sogar noch etwas Zubehör dazu.

Das Tablet im 7-Zoll-Format sieht mit seinem schwarzen Displayrahmen und der silbernen Gehäuseeinfassung ein bisschen wie ein großes iPhone aus. Das stolze Gewicht von ca. 250 Gramm führte die Verkäuferin auf den “Metallrahmen” zurück, der allerdings aus Kunststoff besteht. (Nach dem Öffnen mehr dazu.) Bei einem Gerät dieser Preisklasse muss man natürlich damit rechnen, dass das Downsizing nicht auf alle Komponenten angewandt wurde.

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Technische Daten

  • Android 4
  • Prozessor: 1,2 GHz
  • Arbeitsspeicher: 512 MiB
  • GPU: GC800
  • W-LAN (WIFI)
  • Kamera vorne (VGA-Auflösung)
  • Mini-USB-Anschluss für PC-Verbindung (nicht zum Aufladen verwendbar)

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Das Gerät weist sich mit der Modellbezeichnung “CHUWI V6” aus, hat 512 MiB RAM und läuft mit 1,2 GHz. Das sind technische Angaben, die man als “ausreichend” klassifizieren darf. Das Tablet wurde mit diesem Wissen schließlich als “Surfbrett” für gekauft und nicht als Multimedia-Station oder als Spielmaschine – wobei man fairerweise sagen muss, dass 2D-Spiele überraschend gut laufen und selbst 3D möglich ist. Mit dem Internet verbindet sich das “Chuwi V6” via WLAN. Bluetooth beherrscht es nicht, was mit Lizenzierungskosten in Verbindung stehen dürfte. Das Gerät ist schließlich als Einstiegs-Tablet konzipiert worden. Offensichtlich auch für den eigenen Markteinstieg: In seiner Heimat China präsentiert sich Chuwi als Hersteller einer überschaubaren Palette von Unterhaltungsgeräten: Neben Tablets sind auf dessen Website noch Smartphones und Multimedia-Player in verschiedenen Größen zu finden, die Tablet-Sache scheint aber das primäre Geschäftsfeld zu sein. Das gekaufte Modell V6 hat natürlich größere Geschwister, das Flaggschiff ist derzeit das Modell V13.

Verarbeitung

Von Außen wirkt das Gerät solide verarbeitet und man muss keine Angst haben, dass irgendwas abbrechen könnte, weil das Gerät vorne nur aus dem Display, in der Mitte dem schweren Rahmen und auf der Rückseite einem Deckel besteht. Letzterer ließ sich nach etwas Nachhelfen mit einem weichen Kuststoffkeil lösen.

Im Inneren wird dann sichtbar, dass man doch nicht höchste Priorität auf saubere Verarbeitung gelegt hat. Es waren sogar noch Fingerabdrücke sichtbar.20120618_162736

Links “hängt” geradezu das WLAN-Modul, für das man offensichtlich keine Befestigung vorgesehen hat. Es wird nur durch ein Stück Moosgummi, das zwischen dieses Teil und den Akku geklemmt wird, am Platz gehalten.

Auch die Ursache des scheppernden Sounds wird hier sichtbar: Zwar gibt es am Gehäuse zwei Öffnungen, dahinter steckt allerdings nur ein einziger Lautsprecher. Für echtes Stereo braucht es bei so einem kleinen Gerät ohnehin zwingend Kopfhörer.

Der Akku fühlt sich an wie ein Sack aus Alufolie, der mit einer zähen Flüssigkeit gefüllt wurde. Ich traue dem Ding nicht unbeaufsichtigt über den Weg und werde ihn nicht unnötig lange an der Steckdose hängen lassen. Vielleicht baut man heutzutage aber auch Akkus so, ich weiß es nicht. Immerhin sieht es aus, als könnte man, Lötwerkzeug und –Kenntnisse vorausgesetzt, den Akku notfalls austauschen.

Auch im Inneren bemüht sich Chuwi, das Image vom Gehäuse aus Metall aufrecht zu erhalten, selbst der Zwischenboden (gut links neben dem Akku zu sehen) sieht aus wie Metall, ist aber aus Kunststoff).

Konstruktionsfehler

Das Chuwi V6 lässt sich nicht über USB aufladen. Hierfür muss das mitgelieferte Netzteil mit einem eigens dafür eingebauten Anschluss verbunden werden. Sowohl dieser, als auch der USB-Anschluss im Gerät sitzen so tief im Gehäuse, dass die passenden Stecker schon bei leichten Bewegungen abrutschen können. Stecken sie aber, wird das Gerät geladen bzw. ist der Datentransfer zum PC möglich.

Daneben schien man sich bei Chuwi nicht darüber einig zu sein, wo am Gerät oben und wo unten ist. Natürlich, bei Tablets ist das prinzipiell egal, aber die verteilten Positionen der Anschlüsse und der fünf Tasten wirkt willkürlich. Steckt man das Tablet in die mitgelieferte Hülle, sind USB- und Ladekabelanschlüsse gar nicht mehr zugänglich, dafür ist das Mikrofon nach außen gedreht. Dummerweise wird in dem Zustand die Kameralinse verdeckt und das Herstellerlogo hängt kopfüber an der Unterkante.

Gut gemacht

Der “Metallrahmen” besteht aus einem HD-Kunststoff und ist dadurch besonders hart. Wie auf dem Bild ohne Deckel zu sehen ist, dient dieser Rahmen zugleich als Montageplatte für die Innereien. So ist das Gerät besonders stabil und dürfte sogar einen Sturz auf die Außenkante überstehen.

Display

Was man den technischen Daten nicht ansieht: das Display ist natürlich keines dieser ultrahochauflösenden Hochglanz-Displays wie es der Hersteller darstellt. Das Display ist fürs Surfen, Facebook und Spiele aber gut geeignet und hell genug, der Regler des Android-Systems hat sogar noch Platz nach oben hin. Das Display ist Blickwinkelstabil und auch bei extremer Schräge zeigen sich keine Farbverfälschungen.20120618_155615

Auf einigen Fotos, die ich für diesen Beitrag gemacht habe, schien es an einigen Stellen, als ob die Pixel sichtbar wären, obwohl das Display weit aus höher auflöst. Grund ist, dass nebeneinander liegende Bildpunkte abwechselnd pulsartig angesprochen werden. Für mich ist es ein wenig lästig, weil ich das sehen kann (die meisten anderen merken davon offensichtlich nichts).

Preis

Dieses Gerät kostete am Hongqiao-Market umgerechnet etwa 75 Euro. Bei anderen Händlern konnte ich das Gerät zu Preisen von etwa 110 bis 150 Euro finden. Setzt man die bekannten Verkaufspreise in Relation zum Verdienst,

Fazit

Trotz all der Dinge, die ich zu bemängeln habe, darf man nicht vergessen: dieses Gerät hat 75 Euro gekostet und kommt mit einem aktuellen Tablet-Betriebssystem daher, das nahezu beliebig ergänzt werden kann. Bis auf ein paar Ausrutscher lief das Tablet bislang zuverlässig.

Der WLAN-Empfänger hat keinen so guten Empfang wie der höherpreisiger Geräte. Das Flackern des Displays stört mich ein wenig, es lässt sich aber aushalten. Der Akku soll laut Hersteller 5 Stunden durchhalten, das kann ich bestätigen. Im Stand-By war das Gerät auch nach vier Tagen gut zwei Stunden verwendbar.

Jetzt muss das Gerät nur noch ein paar Monate halten, dann hat es sich gelohnt.

Wer ebenfalls in die Gelegenheit kommen sollte, ein solches Gerät oder andere Elektronik günstig in China einzukaufen, der sollte die Ware prüfen, soweit das oberflächlich möglich ist. Wie schnell fährt das Gerät hoch? Was lässt sich mit Bordmitteln herausbekommen? Wie wirken Kamerabild und Display? Wie schnell ist der Speicher?


Auf solchen Märkten ist neben funktionierender Billigware auch echter Schrott zu haben. Auch auf dem Hongqiao-Market gab es SD-Karten, bei denen es sich vermutlich um defekte Ausschussware aus den Sandisk-Werken handelt. Hinter den Defekt solcher Teile kommt man erst im Langzeitbetrieb, daher: ausgiebig testen, solange es geht. Das neu gekaufte Gerät auch noch gleich am Stand des Händlers auspacken und einschalten.


Ein Gedanke zu “Das China-Tablet-Experiment

  1. Dafür dass das Gerät 75 € gekostet hat und die Funktionen was das Android Grät leistet kannst du sehr zufrieden sein! Will auch eins haben :D denn 75 € sind dafür gut investiert.

    Grüße

    Jens

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