Der gläserne Mensch rückt näher. Dank Web 2.0 stellen die Nutzer persönliche Details selbstständig und freiwillig online. Vergangenheit ist die Zeit, in der man sich Infos über Personen noch mühsam über irgendwelche Webseiten zusammensuchen musste. Ein Klick auf das Profil und man weiß vieles – mehr als der Betroffene oft selbst eigentlich zeigen wollte.
Für Kinder und Jugendliche, die in der heutigen Zeit aufwachsen ist Web 2.0 nichts Neues. Längst stehen Lieblingsfilme, Hobbies und Beziehungsstatus neben Fotos der letzten Party online bereit.
Um die Jugendlichen bezüglich der persönlichen Daten ein bisschen zu sensibilisieren, haben Jugendschützer, Bundesregierung und Soziale Netzwerke die Kampagne “Watch Your Web” ins Leben gerufen – eine schrille, bunte Seite mit dem eindeutigen Ziel “cool” bei Jugendlichen anzukommen.
Die Kampagne ist durchaus sinnvoll, immerhin beschäftigen sich mehr als 84 Prozent der Jugendlichen mit dem Web 2.0. Denn wer damit aufwächst hat keine Angst davor – und plaudert gerne frei raus. Was leichtsinnig veröffentlichte Details bewirken können, zeigt uns der Mann aus Arizona, der eine Kurzreise auf Twitter ankündigte. Die Folge war, dass ein Einbruch in seine Wohnung stattfand. Ob es ein Zufall war oder der Täter tatsächlich per Twitter kostenlos und unverbindlich informiert wurde, ist nicht bewiesen.
Ob das Angebot “Watch Your Web” mit seinen beiden Karikaturen Webman und Data Devil wirklich bei der Zielgruppe ankommt, sei dahin gestellt. Das schrille Design und der Versuch in lockerer Jugendsprache an die Zielgruppe heranzutreten ist vielleicht ein guter Ansatz, kommt aber nicht unbedingt so an, wie gewollt.
“Nur wäre das ganze nicht auf DEUTSCH gegangen?tschuldigung aber "watchyourweb"(was ist mit meiner uhr passiert?)”
Kritik auch von Seiten der betroffenen Jugendlichen findet sich bereits auf der Portal-Internen Pinnwand: die Karikaturen versinnbildlichen nicht das gewünschte Bild von Gut und Böse im Web und das Design, was cool wirken soll, wirkt eher albern. Dennoch wird die Kampagne an sich gelobt.
Den Jugendlichen muss bewusst werden, dass das Internet nichts vergisst. Bilder können beliebig lange gespeichert oder vervielfältigt werden. Was einmal Spaß gemacht hat, kann später im Leben Probleme aufwerfen. Nicht nur die Mutter, die die Lüge enttarnt, dass Tochter auf einer Party statt am Videoabend war sind ein mögliches Resultat. Schon lange ist bekannt, dass Personalchefs jagt auf Profile in Sozialen Netzwerken machen, um zusätzliche Informationen neben der Bewerbungsmappe über einen Bewerber zu bekommen.
Dass das Web nichts vergisst, lässt sich schnell selbst austesten. Wer einmal auf Google die Funktion “Im Cache” verwendet hat, weiß, dass selbst Inhalte, die nicht mehr online sind, noch abgerufen werden können. Und Googles Funktion ist nur ein Bruchteil des Möglichen.
Ein Grund, warum das Web nichts vergisst ist die Tatsache, dass zB Betreiber er sozialen Netzwerken Bilder, die einst hochgeladen wurden, selbst bei einer nachträglichen Löschung nicht gelöscht werden. Permanent-Links sind weiterhin gültig und das Bild kann auch danach noch betrachtet werden.
Fraglich ist nur, ob betroffene Jugendliche wirklich die Webseite von “Watch Your Web” besuchen und dessen Tipps beherzigen.
Eine Frage der Erziehung?
Wer mit einem Thema vertraut ist, der wird aus Neugierde auch einmal das Portal besichtigen. Auch wenn in diversen sozialen Communities Werbung dafür gemacht wird, werden sich viele Jugendliche nicht angesprochen fühlen. Natürlich wird jeder schon schlechte Erfahrungen mit Web-Mobbing oder misslichen Lagen dank unpassenden Fotos gehabt haben. Diese Erfahrungen gehören genauso zum Leben, wie einmal das Gefühl gehabt zu haben, eine Petze auf dem Pausenhof zu sein.
Gerade weil der heutige Pausenhof nicht nur real ist sondern im Netz weiter geht, sollten gerade Schulen darauf ausgerichtet werden, den Umgang mit dem Internet von Grund auf zu sensibilisieren. Kinder lernen intuitiv durch damit umgehen. Genauso wie sie Web 2.0 kennen lernen, müssen sie wissen, was sie herausgeben dürfen und was nicht. Das ist eine Frage der Eltern und im weitesten Sinne der Schule.
Eine Kampagne wie “Watch Your Web” wirkt demnach nur unterstützend, ist aber nicht ausreichend, was die Sensibilisierung beim Umgang mit persönlichen Daten angeht.




