Niveau bei ProSieben auf neuem Tiefpunkt


Der abgekarteten Castingshow der anderen Art mit dem TV-Lügner Uri Geller "The next Uri Geller" folgte bei ProSieben jetzt ein weiterer Flop: unter dem Motto "Am fümfsehnte November nähmen wir Kónntackt auff" riss Uri Geller mein sowieso schon geschädigtes Bild des Münchner Fernsehsenders endgültig in den Abgrund.

Die Vorgeschichte

Vor vier Jahren, 2004, entdeckte man bei RTL – wieder einmal, wie so oft im deutschen Fernsehen (aber keiner hat’s gemerkt) – dass es da einen gab, der ganz dolle Löffel verbiegen konnte: Uri Geller. Ungeachtet der Veröffentlichung von James Randi, einer fehlgeschlagenen Vorführung bei Johnny Carson und vielen abgewiesenen Klagen gegen seine Kritiker holte RTL ihn also wieder zurück ins Fernsehen. In mehreren Sendungen, darunter SternTV, konnten die Zuschauer interaktiv am Programm teilnehmen: "Ich möchte, dass Sie alte Löffel und alle ihre kaputten Uhren an den Fernseher bringen" oder "Legen Sie einen Löffel auf Ihren Fernseher" oder einfach nur "Drei, zwei, eins, funktioniere!" waren in diesen Wochen gängige Zitate, die zumindest in meinem Umfeld zur allgemeinen Belustigung geeignet waren.

Geller wieder im deutschen Fernsehen – und ein Paradoxon

Im Januar 2008 holte der Konkurrent und Erzfeind von RTL, ProSieben, Geller zurück vor die Kamera. Die neue Show "The next Uri Geller", bei der man offensichtlich seinen Abgang und Ersatz/Nachfolger vorbereitete, kam interessanterweise auf Einschaltquoten von über 20%. ProSieben hatte damit endlich den ersten Schritt in Richtung Massenverblödungswaffe geschafft. In den Weblogs der Verfechter und der Kritiker hagelte es Erklärungen über das "Wie", "Warum" und das "Ist das echt?". Einige Websites gar widmeten sich nur noch einem einzigen: "Wie erklärt man der breiten Masse leicht verständlich und idiotensicher, dass das nur Zaubertricks sind?" Ausschnitte der Sendung wurden detailgenau auseinandergenommen, um Geller und seine potenziellen Nachfolger zu entlarven, Zaubertricks wurden wie aus einem Lehrbuch erklärt und vorgeführt, damit bloß jeder merke: das ist nicht echt.

Erst kurz zuvor war bekannt geworden, dass sich Geller nicht mehr als "Mentalist", sondern als "Unterhalter" sehe. In Anbetracht der scharfen Kritiken von Seiten Randis nur allzu verständlich.


Bösen Einschätzungen zufolge, darunter auch meine, dürften über 40% der Zuschauer die Sendung nur gesehen haben um zu erleben, wie

  • ein Kandidat einen Fehler macht
  • ein Kandidat mehrere Fehler macht
  • ein Kandidat sehr viele Fehler macht
  • die Konkurrenz, also RTL, auf das Spektakel reagieren würde.

Der letzte Fall trat tatsächlich ein. Zwar spöttelte man nicht direkt beim Muttersender RTL – wir erinnern uns: hier wurde Geller 2004 ins deutsche Fernsehen zurückgeholt – dafür aber beim kleinen Bruder rtl2, dessen Niveau an diesen Tagen ausnahmsweise das von RTL und ProSieben übertraf – und das ist positiv gemeint. Mit Randi im Interview wurden Gellers Tricks und die einiger anderer Mentalisten auseinandergenommen. Das Ergebnis waren mehrere Sendungen, in denen RTL seinen Feind auseinandernahm – obwohl sie ja mit dem Medienrummel angefangen haben.

Die Kontaktaufnahme

Gegen Ende 2008, von heute aus gesehen vorgestern, durfte Uri Geller erneut vor die Zuschauermenge treten. Oder tat er das vielleicht schon früher? Vielleicht wurde die Sendung schon eine Woche vorher aufgenommen, damit man dieses Mal genügend Zeit hätte, eventuelle Schwächen der Sendung zu retuschieren. Vielleicht.

Kernpunkt der Quotenschwachen Sendung war das Senden von Signalen ins Weltall, auf die man wohl auch noch eine Antwort erwartete.

Daneben beglückten uns andere Zuschauer mit zugesandtem Material: So konnte anhand zweier Videos eindeutig festgemacht werden, dass außerirdische Lebensformen grundsätzlich einen dem unseren sehr ähnlichen Körperbau haben. Zwar haben sie etwas blassere Gesichter (ich erinnere an den lustigen Zeitgenossen, der aus dem Gebüsch hervorgeglotzt hat) und einen Gang, als hätte man ihnen mit Brechstangen die Knie zertrümmert, vielleicht hat die Überwachungskamera aber auch nur einen schwer betrunkenen Besucher aufgezeichnet, der sich durch das helle Licht, das durch die Glaswand schien, kontraststark vom Boden und den Wänden abgehoben hat. Man weiß es nicht. Offensichtlich hat sich die humane Körperform ja auch auf anderen Planeten bewährt und die vier Extremitäten, der abgesetzte Kopf und der Ganz auf zwei Beinen waren doch keine so blöde Idee unserer affigen Vorfahren. Die Aliens tun es ja auch.

Dann waren da noch ein paar Anrufer, die mysteriöse Dinge beobachtet haben wollen. "Mysteriös" ist spätestens seit Galileo Mystery das neue Unwort im Fernsehen geworden. ("Wie kommen so viele Früchte in den Joghurt? – Mysteriös!" […])

Hätte ProSieben an dem Abend meinen Name im Fernsehen genannt, wäre ich gleich am Montag aufs Standesamt gegangen und hätte einen perfekten Grund zur Namensänderung vorgebracht. Ein Anrufer sah das aber recht locker und erzählte nach Angabe seines vollständigen Namens und Wohnortes, was er am Himmel beobachten konnte. Ich guck auch immer an den Himmel, wenn ich in der Wohnung unterwegs bin, um ein USB-Kabel für die Kamera zu suchen. Darüber, was tatsächlich am Himmel geschah, darf gemutmaßt werden. Wir können auswählen:


  • da oben tat sich wirklich etwas und zwar waren es die Wolken, die vor dem Mond standen
  • da oben tat sich wirklich etwas und zwar flog das erste Mal ein beleuchtetes Flugzeug herum
  • da oben tat sich gar nichts und der Anrufer hat einen so schwachen Kreislauf, dass bei zu schnellen Bewegungen seine Augen versagen und Blendungserscheinungen eintreten
  • es waren Spiegelungen am Fenster
  • Uri Geller hat Zeichen an den Himmel gezeichnet
  • David Copperfield hat endlich den Eiffelturm auftauchen lassen
  • es war mysteriös

Nach Bild-Zeitung, Jamba und RTL hat es damit auch ProSieben auf meine persönliche Liste der Massenverblödungswaffen geschafft – und das auch noch einen Monat nach der so herben Kritik von Marcel Reich-Ranicki.

Ich guck jetzt arte.